Als Zimmererlehrling in der profanen Welt lernte ich einst einen Wandergesellen kennen. Er erklärte mir seine zeitliche Lebensplanung anhand eines Zollstocks.
Auf einem aufgeklappten, etwa 80 Zentimeter langen Zollstock markierte er mir auf 3 Zentimeter seine drei Wanderjahre, um mir zu verdeutlichen, wie klein dieser Zeitanteil im Verhältnis zu einem ganzen Leben tatsächlich ist.
Er wollte mir Mut machen, selbst auf Reisen zu gehen.
35 Jahre später stehe ich nun wieder hier — erneut als Lehrling. Erneut stehe ich vor der Möglichkeit, auf Reisen zu gehen. Dieses mal zur rechten Zeit!
Vor mir auf dem Arbeitsteppich der 24-zöllige Maßstab.
Ein Werkzeug, das mir helfen soll, meine Zeit weise einzuteilen.
Doch wie soll ich das für mich verstehen?
Welche Hilfe kann mir dieses Werkzeug in der Arbeit an mir selbst sein?
Geht es darum, Maß zu halten?
Keine Zeit zu verschwenden?
Oder um das Bewusstsein, dass unser Leben endlich ist?
Dieses Werkzeug, das mir mit auf dem Weg gegeben wurde, um in mich zu schauen, zeigt mir, dass die Arbeit an mir selbst, neben den vielen alltäglichen Aufgaben des Lebens, ein fester Bestandteil sein sollte. Es ist wie ein ganztägiges, dauerhaftes Ereignis in meinem Terminkalender, der mich daran erinnert, auf die Ecken und Kanten meines rauen Steines zu achten und mir dieser bewusst zu werden, mir Zeit hierfür zu nehmen.
Bereits bei meiner Aufnahme wurde mir durch die Sanduhr die Vergänglichkeit der irdischen Existenz symbolisiert.
Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, ist begrenzt.
Die Erkenntnis der Vergänglichkeit hilft, den Blick auf das Wesentliche zu richten, auf das, was für uns wirklich Bedeutung hat. Sie hilft dabei, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und den eigenen Fokus immer wieder neu auszurichten.
Der Tag hat 24 Stunden.
Diese gilt es zu nutzen und weise einzuteilen.
Die Woche, der Monat, das Jahr — alles hat seine rechte Zeit.
Doch Zeit wird von uns Menschen unterschiedlich erlebt.
Stehen wir unter Druck, scheint ein Tag niemals lang genug zu sein.
In anderen Momenten scheinen Stunden kaum zu vergehen. Oft verstreicht die Zeit unbewusst, ohne das diese genutzt oder besonders wahrgenommen wurde.
Lebenszeit ist vermutlich das Kostbarste, was wir besitzen und diese nicht zu nutzen, ist demnach eine der grössten Verschwendungen.
Zeit ist keine starre Größe, mit der Kosmos, Menschheit und Leben gleichermaßen verlaufen.
Zeit ist relativ.
Sie hängt von Wahrnehmung ab, von Bewegung, von Empfindung, von Bewusstsein.
Es gibt Geschöpfe, deren gesamtes bewusstes Leben nur wenige Stunden dauert. Sie schlüpfen, begegnen einander, erfüllen ihren Auftrag und vergehen wieder.
Und doch ist ihre Zeit vollständig.
Das Universum dagegen ist etwa 13,8 Milliarden Lichtjahre alt.
Würde man die gesamte Existenz des Universums auf ein Kalenderjahr umlegen, erschient die gesamte Menschheit erst in den letzten Sekunden des 31. Dezember.
Was sind wir schon in dieser Relation?
Betrachte ich mein eigenes Leben.
Vielleicht 80 oder 90 Jahre. Hoffentlich!
Heute bin ich hier mit 50 Jahren — und wenn alles gut geht, bleiben vielleicht noch 30…
Auch diese verbleibende Zeit gilt es weise einzuteilen.
Wann ist die richtige Zeit der Selbsterkenntnis? Des innerlichen Wachstums?
Dann, wenn der Wunsch und die Motivation danach zu suchen größer wird als das, was einem davon abhält. Und so kam auch für mich vor einem Jahr der rechte Zeitpunkt, den Weg zur Bauhütte zu suchen und an diese Tür zu klopfen. Es war an der Zeit!
An der Zeit, sich auf das Leben und den Tod vorzubereiten.
Das Licht, was mir gegeben wurde, begleitet mit seither. Es erscheint mir wie eine weitere Dimension in meinen Lebens.
Neben den Säulen — Familie und Freunde steht — seither eine Weitere — Meine Brüder.
Auch die Arbeit der Loge empfinde ich als dreiteilig — die Arbeit an mir selbst, die Spiritualitiät des Rituals und die Bruderschaft
Und der Bogen der Zeit führt uns schließlich immer wieder zurück ins Hier und Jetzt — in diesen gegenwärtigen Augenblick.
Der 24-zöllige Maßstab dient dem Freimaurer als Hilfe, seine Zeit weise einzuteilen, da ihm diese nicht unbegrenzt zur Verfügung steht:
die Stunde, den Tag, das Jahr und letztlich die gesamte Laufzeit seines Lebens.
Gleichzeitig empfinde ich den 24-zölligen Maßstab auch als Grenze zur transzendenten Welt.
Schreiten wir symbolisch über ihn hinweg, dorthin, wo Raum und Zeit eins werden, wo hundert Jahre wie ein Tag erscheinen, dann überschreiten wir die Grenze vom Mikrokosmos zum Makrokosmos — hin zur Ewigkeit.
Auf einige Fragen ist die einzige und wahrhaftigste Antwort:
ich weiss es nicht — und werde es womöglich erst erfahren, wenn meine Zeit dafür gekommen ist. Auch wenn ich es nicht wissen kann, so kann ich zumindest ein Gefühl dafür entwickeln und werde weiter Antworten suchen auf Fragen, die mir das Leben stellt.
Mit der geöffneten Loge verändert sich mein Raum- und Zeitverständnis.
Der gewöhnliche Raum verliert an Bedeutung.
Der Alltag tritt zurück.
Es öffnet sich ein anderer Raum — ein geistiger, symbolischer, vielleicht sogar heiliger Raum.
Und mit ihm beginnt eine andere Zeit:
eine heilige Zeit des bewussten Seins.
Eine Zeit, in der wir ganz im Hier und Jetzt anwesend sind.
Denn nur die Gegenwart — dieser eine gegenwärtige Moment — ist die Zeit, in der wir tatsächlich leben können.
Die Prinzipien, die unser Leben bestimmen, finden sich im Kleinsten wie im Größten wieder — im Sichtbaren ebenso wie im Unsichtbaren.
Im Ritual ordnen wir uns bewusst diesen Gesetzmäßigkeiten des Universums ein:
der Ordnung des Weltalls,
dem Lauf der Gestirne,
der ständigen Erneuerung der Natur
und letztlich auch uns selbst.
Im Tempel nehme ich einen Platz ein, der für mich bestimmt ist.
Und genau wie sich der Raum des Universums unendlich ausdehnt, erweitert sich auch der Raum der geöffneten Loge. Von Osten bis Westen, von Süden bis Norden. Von der Erde bis zum Himmel von der Erdoberfläche bis zu ihrem Mittelpunkt!
Mit ihm öffnet sich eine universelle Ordnung und Wahrnehmung, in der man beginnt, sich selbst, seine Zeit und seinen Platz im Ganzen bewusste zu erkennen. Hier, sowie in der Unendlichkeit des Makrokosmus.
Alles ist in seiner Ordnung.
Alles hat seinen Sinn.
Hier gehöre ich hin!
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