Vom Sehen zum Erkennen – vom Erkennen zum Einssein.

Wir Freimaurer sprechen vom Licht.

Wir treten aus der Dunkelheit in das Licht.
Wir suchen das Licht.
Wir empfangen Licht.
Und doch stellt sich eine merkwürdige Frage:
Was macht das Licht eigentlich sichtbar?
Denn Licht allein genügt nicht.

Wir können in einem hell erleuchteten Raum stehen und dennoch blind für das Wesentliche sein.
Wir können hören, ohne zu verstehen.
Wir können sehen, ohne zu erkennen.
Wir können ein Symbol tausendmal betrachten und es doch erst in einem einzigen Augenblick wirklich sehen.

Vielleicht liegt genau hier eine Verbindung zwischen unserer maurerischen Arbeit und einem Gedanken des Kognitionswissenschaftlers John Vervaeke: der sogenannten Relevance Realization, der Realisierung von Relevanz.

Damit ist etwas scheinbar Einfaches und zugleich außerordentlich Tiefes gemeint.
In jedem Augenblick umgibt uns eine nahezu unendliche Zahl möglicher Eindrücke, Gedanken, Erinnerungen, Bedeutungen und Handlungen.

Wir können unmöglich alles beachten. Und dennoch tritt aus diesem Meer der Möglichkeiten immer etwas hervor.

Ein Gesicht.
Ein Wort.
Eine Gefahr.
Eine Gelegenheit.
Ein Symbol.
Ein Gedanke.
Plötzlich wird etwas bedeutsam.

Relevance Realization bezeichnet jenen dynamischen Prozess, durch den unsere Wahrnehmung fortwährend unterscheidet, was hervortritt und was zurücktritt, was uns anspricht und was im Hintergrund verbleibt, was in diesem Augenblick für unser Denken und Handeln Bedeutung besitzt. Vervaeke sieht darin nicht einen nachträglichen Zusatz unseres Denkens, sondern etwas Grundlegendes für Wahrnehmung, Intelligenz und Erkenntnis überhaupt.

Vielleicht könnten wir maurerisch sagen:

Das Licht beleuchtet nicht einfach alles gleichmäßig.
Wahres Licht lässt das Wesentliche hervortreten.

Und damit beginnt die Arbeit.

Die Arbeit am Rauhen Stein, die unserer Aufmerksamkeit Gestalt gibt

Der rauhe Stein ist nicht allein unser Charakter.

Vielleicht ist auch unsere Aufmerksamkeit ein rauher Stein.

Sie wird gezogen von Begierde und Angst, von Gewohnheiten, Vorurteilen, Erinnerungen und Erwartungen. Manche Dinge erscheinen uns übergroß, obwohl sie unbedeutend sind. Andere liegen unmittelbar vor uns und bleiben dennoch unsichtbar.

Wir glauben, die Welt zu sehen, wie sie ist.
Doch häufig sehen wir die Welt so, wie unsere Gewohnheiten uns erlauben, sie zu sehen.

Unsere Arbeit bestünde dann nicht nur darin, bessere Gedanken zu haben. Sie bestünde darin, jene tiefere Fähigkeit zu verwandeln, durch die überhaupt entschieden wird, welche Gedanken, Wahrnehmungen und Möglichkeiten für uns lebendig werden.

Der behauene Stein wäre somit nicht der Mensch, der auf alles eine Antwort besitzt. Vielleicht ist er vielmehr jener Mensch, dessen Wahrnehmung gelernt hat, sich dem Wirklichen immer wieder neu anzupassen.

Nicht starr.
Nicht beliebig.
Sondern wach.

Wenn Werk und Wirkender eins werden – Lehrlinge, hört Ihr schon den Regen?

Im Wirken begegnen wir dem Phänomen des Flow.
Viele von uns kennen solche Augenblicke. 
Der Musiker spielt – und irgendwann scheint nicht mehr er die Musik zu spielen, sondern die Musik spielt durch ihn.
Der Maurer arbeitet – und für einen Augenblick verschwinden Werkzeug, Hand und Werkstück als voneinander getrennte Dinge.
Der Läufer läuft.
Der Tänzer tanzt.
Der Künstler malt.
Der Denkende denkt.

Die innere Stimme, die sonst unaufhörlich kommentiert – Wie wirke ich? Mache ich es richtig? Was kommt danach? – tritt zurück.
Handlung und Wahrnehmung greifen ineinander.

In neueren Arbeiten, die Vervaekes Ansatz weiterentwickeln, wird Flow zusammen mit Einsicht und mystischer Erfahrung als Teil eines Kontinuums selbsttranszendierender Erfahrungen betrachtet. Die Grundidee lautet: Auf verschiedenen Ebenen kann sich unsere Art, Relevanz zu realisieren, tiefgreifend reorganisieren.

Im Flow geschieht diese Neuordnung noch in einem bestimmten Bereich.
Der Kletterer und der Fels.
Der Musiker und die Musik.
Der Maurer und sein Werk.
Doch was geschieht, wenn dieser Vorgang nicht nur einen einzelnen Bereich unseres Erlebens erfasst?
Was geschieht, wenn nicht lediglich eine Tätigkeit, sondern unser gesamtes Verhältnis von Ich und Welt in Bewegung gerät?

Dann nähern wir uns jener Schwelle, die Menschen seit Jahrtausenden mit Worten wie Einheit, Erleuchtung, Unio mystica oder mystische Erfahrung zu beschreiben versucht haben.

Von der Selbstvergessenheit zur Selbstüberschreitung

Die mystische Erfahrung wäre aus dieser Perspektive nicht einfach ein besonders starker Flow.

Sie wäre eine tiefere Transformation jenes Rahmens, innerhalb dessen wir uns gewöhnlich als ein Ich erleben, das einer Welt gegenübersteht.
Für einen Augenblick kann diese Grenze durchlässig werden.
Das beständige Zentrum, von dem aus wir sagen:

Hier bin ich – dort ist die Welt

verliert seine Selbstverständlichkeit.

Neuere Darstellungen des von Vervaeke angeregten „cognitive continuum“ beschreiben gerade diesen Übergang: von gesteigerter Flüssigkeit über Einsicht und Flow bis zu mystischer Erfahrung und möglicher Transformation. Dabei kann sich die gewöhnliche Trennung zwischen Selbst und Welt lockern.

Das bedeutet nicht, dass die Kognitionswissenschaft damit Gott bewiesen hätte.
Und ebenso wenig bedeutet es, dass die mystische Erfahrung bloß eine Täuschung des Gehirns sei.
Vielleicht sollten wir gerade als Freimaurer dieser Versuchung widerstehen, das Geheimnis vorschnell aufzulösen.
Wir dürfen vor der Schwelle stehen.
Wir dürfen messen – und staunen.
Wir dürfen denken – und schweigen.

Denn vielleicht besteht Weisheit gerade darin, zu erkennen, wo Erklärung notwendig ist und wo Erklärung allein nicht mehr genügt.

Meditation – die Arbeit an der Aufmerksamkeit

Wie aber kann der Mensch seine Art der Relevanzwahrnehmung verändern?
Hier kommen die alten kontemplativen Praktiken ins Spiel.
Eine davon ist die Meditation.
Meditation ist nicht einfach Entspannung.
In unterschiedlichen Formen kann sie Konzentration, offene Gewahrwerdung, Mitgefühl oder nichtduale Aufmerksamkeit schulen; tatsächlich unterscheiden sich verschiedene Meditationsformen auch deutlich in ihren kognitiven Strategien.

Für unsere Betrachtung genügt etwas Einfacheres:

In der Meditation lerne ich zunächst zu bemerken, was meine Aufmerksamkeit gefangen nimmt.

Ich beobachte den Atem.
Ein Gedanke erscheint.
Ich verliere mich in ihm.
Dann erkenne ich plötzlich:
Ich denke.
Und ich kehre zurück.
Wieder und wieder.
Das Entscheidende ist vielleicht nicht der Atem.
Das Entscheidende ist jener Augenblick des Erwachens:

Ich war gefangen – und nun sehe ich, dass ich gefangen war.

Das ist bereits Arbeit am rauhen Stein.
Die Meditation verändert nicht notwendigerweise den Inhalt unserer Gedanken. Sie verändert unser Verhältnis zu ihnen.
Der Gedanke verliert für einen Augenblick seine absolute Macht über das Feld unserer Relevanz.
Wir gewinnen Freiheit.

Kontemplation – vom Betrachten zum Erblicktwerden

Die Kontemplation setzt einen etwas anderen Akzent.
In der Meditation kann ich lernen, meine Aufmerksamkeit zu sammeln und ihre Bewegungen wahrzunehmen. Meditation ist Konzentration.
In der Kontemplation hingegen verweile ich bei etwas.
Bei einem Wort.
Bei einer Frage.
Bei einem geometrischen Zeichen.
Bei einem Symbol.
Vielleicht bei Winkelmaß und Zirkel.
Vielleicht bei einem einzelnen Satz.
Vielleicht bei der Frage:

Wer bin ich, wenn ich für einen Augenblick aufhöre, mir selbst zu erklären, wer ich bin?

Kontemplieren bedeutet dann nicht, möglichst viele Gedanken über ein Symbol zu produzieren.
Es bedeutet, lange genug bei ihm zu verweilen, bis meine gewohnten Antworten ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Vervaeke illustriert eine solche Wendung mit einer bemerkenswert einfachen kontemplativen Bewegung: Zunächst nehme ich meinen Atem wahr. Dann bemerke ich mich selbst dabei, wie ich meinen Atem wahrnehme. Und plötzlich entsteht die Frage: Wer ist es eigentlich, der hier wahrnimmt?

Hier beginnt das Symbol zurückzublicken.
Ich betrachte nicht mehr nur den Zirkel.
Der Zirkel beginnt, mich nach meinem Maß zu fragen.
Ich betrachte nicht mehr nur das Winkelmaß.
Das Winkelmaß fragt mich nach der Geradheit meines eigenen Handelns.
Ich betrachte den rauhen Stein.
Und plötzlich erkenne ich:
Ich selbst bin gemeint.
Das ist Kontemplation.

Zwei Werkzeuge – eine Arbeit

Meditation und Kontemplation müssen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Meditation kann die Oberfläche des inneren Wassers beruhigen.
Kontemplation lässt uns in seine Tiefe blicken.
Meditation zeigt uns, wie unsere Aufmerksamkeit springt.
Kontemplation fragt, wofür wir unsere Aufmerksamkeit öffnen wollen.
Meditation lockert die Macht des Gewohnten.
Kontemplation erlaubt dem Symbol, eine neue Ordnung der Bedeutung entstehen zu lassen.

Und gelegentlich geschieht etwas Merkwürdiges:
Aus Konzentration wird Mühelosigkeit.
Aus Mühelosigkeit wird Flow.
Aus Flow wird Selbstvergessenheit.
Aus Selbstvergessenheit vielleicht Selbstüberschreitung.
Und aus Selbstüberschreitung kann für einen kostbaren Augenblick jenes Schweigen entstehen, in dem die alte Trennung von Betrachter und Betrachtetem nicht mehr selbstverständlich ist.
Der Mensch sieht das Licht nicht mehr nur.
Er steht im Licht.

Die Loge als Schule der Relevanz

Vielleicht können wir nun auch unsere Loge anders betrachten.
Was tun wir hier eigentlich?
Wir verändern bewusst den gewöhnlichen Raum.
Wir verändern Licht.
Kleidung.
Bewegung.
Sprache.
Zeit.
Wir verwenden Symbole.

Wir unterbrechen den Alltag.
Warum?
Vielleicht auch deshalb, weil der profane Alltag unsere Aufmerksamkeit bereits vollständig geordnet hat.
Dort schreit alles:
Ich bin wichtig!
Sieh mich an!
Reagiere auf mich!
Termine.
Nachrichten.
Besitz.
Status.
Ärger.
Sorge.
Begehren.

Die Loge antwortet darauf nicht mit noch mehr Lärm.
Sie antwortet mit einer anderen Ordnung der Aufmerksamkeit.
Plötzlich wird eine Kerze wichtig.
Eine Bewegung.
Ein Schritt.
Ein einfaches Werkzeug.
Das Schweigen eines Bruders.

Vielleicht ist der Tempel deshalb nicht nur ein Raum voller Symbole.
Er ist eine Schule des Sehens.
Er lehrt uns, andere Dinge relevant werden zu lassen.
Und vielleicht liegt darin eine der tiefsten Bedeutungen unserer Arbeit.
Denn der freie Mensch ist nicht nur jener, der tun darf, was er will.
Frei ist vielleicht jener, der gelernt hat, nicht jedem Ding Macht über seine Aufmerksamkeit zu geben.

Vom Licht zum Geheimnis

Meine Brüder,
vielleicht beginnt die mystische Erfahrung nicht mit einer Vision.
Vielleicht beginnt sie viel unscheinbarer.
Mit einem Augenblick echter Aufmerksamkeit.
Mit einem Atemzug.
Mit einem Symbol.
Mit dem Schweigen.
Mit dem plötzlich lebendigen Gefühl:

Dies hier ist wesentlich.

Und wenn wir diesem Wesentlichen folgen, können sich die Kreise unserer Aufmerksamkeit erweitern.
Vom eigenen Ich zum Bruder.
Vom Bruder zur Gemeinschaft.
Von der Gemeinschaft zur Menschheit.
Von der Menschheit zum Leben.
Vom Leben zu jenem unaussprechlichen Ganzen, dessen Teil wir sind und das wir doch niemals vollständig von außen betrachten können.

Vielleicht geschieht dann etwas, das weder Wissen noch Glauben allein beschreiben können.
Wir erkennen nicht nur etwas.
Wir werden von etwas ergriffen.
Das Licht fällt nicht länger nur auf die Gegenstände vor uns.
Es fällt auf den Sehenden selbst.
Und für einen Augenblick erkennen wir:

Derjenige, der sucht,
dasjenige, was gesucht wird,
und das Licht, in dem die Suche geschieht, waren niemals so vollständig voneinander getrennt, wie wir glaubten.

Dann verstummt der Hammer.
Der Stein schweigt.
Der Tempel schweigt.
Und vielleicht beginnt gerade in diesem Schweigen die eigentliche Arbeit.

Denn der Weg vom Flow zur mystischen Erfahrung ist möglicherweise kein Weg zu immer außergewöhnlicheren Zuständen.
Vielleicht ist es der Weg zu einer immer tieferen Fähigkeit, das Wirkliche als wirklich relevant zu erfahren.
Nicht allem Bedeutung zu geben.
Sondern für Bedeutung empfänglich zu werden.
Nicht das Licht besitzen zu wollen.
Sondern sehfähig zu werden.

Und so möchte ich mit einer Frage schließen, die wir vielleicht nicht beantworten, sondern mitnehmen sollten:

Was müsste in mir still werden,
damit ich erkenne,
was wirklich wesentlich ist?

Und vielleicht noch mit einer zweiten:

Wenn das Licht mich heute wirklich erreichte –
welchen Teil meines rauhen Steins würde es sichtbar machen?

Meine Brüder,
mögen wir den Mut haben hinzusehen.
Mögen wir die Geduld haben zu verweilen.
Und mögen wir lernen, im rechten Augenblick zu schweigen,
damit aus dem Sehen Erkenntnis, aus der Erkenntnis Verwandlung
und aus der Verwandlung vielleicht für einen Augenblick
Licht
werden kann.

* * *

Alte Pflichten (8) Arbeit (14) Aufklärung (7) Bauhütten (5) Bewusstsein (11) Brüderlichkeit (13) Denken (22) Erkenntnis (19) Esoterik (6) Ethik (21) Freiheit (13) Freimaurer werden (9) Geschichte (13) Gesellschaft (45) Handeln (22) Humanität (7) Kunst (12) Lehrling (9) Licht (5) Maßstab (8) Moral (17) Nächstenliebe (7) Philosophie (28) Politik (11) Psychologie (14) rauher Stein (18) Religion (15) Ritual (18) Selbsterkenntnis (29) Sinn (12) Spitzhammer (9) Symbol (17) Toleranz (9) Transzendenz (11) Verantwortung (6) Wahrheit (4) Wahrnehmung (6) Werbung (7) Werkzeuge (11) Werte (8) Wissen (8) Zeit (6) Zeitgeist (7) Zukunft (7) Überlieferung (8)