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Der Leuchtturm

Es ist Nacht auf hoher See. Dichter Nebel liegt flach auf ruhigem Wasser.

Ein hell-grauer Schleier, der wie ein Geist über dem Wasser schwebt und alles umher sanft aber entschlossen zu umarmen scheint, das sichtbare zum unsichtbaren und somit das bekannte zum unbekannten machend.

Selbst am Firmament scheinen alle Lichter erloschen zu sein. Keine Sterne zur Orientierung. Muttererde steht auf Ihrer Bahn genau zwischen Sonne und Mond.

Die dunkelste aller Nächte.

In dieser horizontlosen Landschaft trotzt ein trübes Licht der schonungslosen Dunkelheit, wie ein Versprechen. Wie ein Kerzenschein, weit entfernt und doch sichtbar für das hoffnungsvolle Auge, das danach sucht.

Mit letzter Kraft versuche ich zu schreien, doch die Laute verlassen meine Lippen nicht.

Das Licht kann mich nicht hören. Ich gebe meinen Armen einen entschlossenen Befehl, das Paddel zu ergreifen. Sie gehorchen, wenn auch nur träge.

Langsam bewege ich mich fort, unbeirrt von Kälte und Dunkelheit, ruhig und sicher, furchtlos in Gefahr, hohes Ziel vor Augen. Ein leichter Wind in meinem Rücken hilft mir gerade jetzt und meine Hoffnung wird größer, wird nun endlich sichtbarer.

Verschlagen aber hell dringt warmes Licht aus einem Bullauge.

Das alte Schiff liegt ruhig auf dem Wasser. Ich kann nun deutlich die Buchstaben aus Messing erkennen, die die Vorderseite zieren. Ihr Name strahlt Stärke aus.

Einige letzte Paddelzüge noch und ich nähere mich so nah ans Schiff, dass der Geruch von feuchtem, salzigem Holz meine Nase durchdringt. Mit allerletzter Kraft hebe ich meine kalte Faust und gebe drei starke Schläge ab.

Stimmen aus dem Inneren.

Die Kajüte ist klein, behaglich und warm. Meine Augen, anfangs von der Dunkelheit ermüdet, passen sich nun langsam den neuen Lichtverhältnissen an. Ich erkenne zuerst drei große Lichter, dann die Mannschaft um mich herum. Eine angenehme Wärme strahlt in meine Richtung und nun verstehe ich endlich, ich bin in Sicherheit.

Tage vergehen auf ruhiger See mit klarem Himmel und weitem Blickfeld. Ich erkenne kürzlich unternommene Reparaturmaßnahmen am Schiff. Diese zeugen von Zeiten mit Sturm und hohen Wellen.

Doch die Mannschaft rudert gemeinsam, rudert entschlossen und beharrlich auf ihrem Kurs. Ich finde einen Platz, ergreife das Ruder und ziehe mit. Gemeinsam, mit vereinten Kräften, so fühlt es sich an, kommen wir leichter voran.

Ich frage: „wo rudern wir hin, was ist unser Kurs?“

Es wird gesagt: “wir suchen Land.“

„Wie finden wir es?“ frage ich erneut.

„Der Leuchtturm weist uns die Richtung.“ wird geantwortet.

„Er zeigt uns den Kurs, ist das Licht in der Dunkelheit, die Hoffnung dem wir entgegen eifern.“

Nun erkenne auch ich einen feurigen Schein vor uns am Horizont, ganz weit noch, aber ohne jeden Zweifel.

Mit Entschlossenheit bahnen wir uns durch das Wasser und nur mit Einigkeit bleiben wir auf Kurs, gewinnen Land. Jetzt ist der feurige Schein von eben noch, ein Ehrfurcht gebietendes Licht aus Flammen. Der Leuchtturm.


Meine lieben Brüder. Diese kurze Erzählung berichtet allegorisch von meiner Reise als Suchender zum Lehrling und bis hierher in den Tempel des flammenden Sterns, dem Leuchtturm des Gesellen.

Diese Erzählung ist auch eine Hommage an Euch, eine Würdigung, ein Dank!

Ein Dank, insbesondere deswegen, weil Ihr Euer Versprechen hieltet, als der Meister bei meiner Beförderung sagte: „Seid Brüder und ihr werdet Brüder finden“.

Ich habe sie gefunden.

Brüder, oder wie wir sie im Rahmen unseres Jahresthemas nennen: Gefährten.

Der Schiffbrüchige erzählte uns in seiner Geschichte, wie er aus der kalten, nebeligen Dunkelheit, also der profanen Welt, in die sichere und warme Kajüte geholt wird, also die Loge, in der er brüderlicher Liebe entgegnet und somit Weggefährten findet.

Er wird in die Gemeinschaft aufgenommen und setzt sich sogleich an ein Ruder. Gemeinsam und mit gebündelter Kraft kämpfen sie sich durch die Elemente.

Diese Stärke in der Einigkeit habe ich bei meinen Reisen erfahren. Ich wurde stets und überall mit brüderlicher Liebe herzlich empfangen. Ich habe fremde Brüder getroffen, die sich mir bei einem altehrwürdigen Brauch, in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein als Gefährten zu erkennen gaben.

Wir freuten uns der Zusammenkunft und der neuen Bindungen. Wir teilten Brot und Wein, doch nicht immer die Meinungen.

Und hier, meine Brüder, sehe ich jene Eigenschaft unseres Bundes, die sich von vielen anderen sozialen Gemeinschaften abhebt. Wir üben Einigkeit als Zusammenhalt, ohne dass wir uns immer einig in der Meinung sein müssen. Wir wissen, dass wir im selben Boot sitzen und zusammen rudern.

In anderen Gemeinschaften können gerade in der heutigen Zeit, die kleinsten Meinungsunterschiede zum Zerbrechen der Freundschaft führen. Hier aber, sind wir fest miteinander gemörtelt. Die Kelle ist das Werkzeug, das uns daran erinnert.

In einer Welt, wo alles private exzessiv veröffentlicht und schonungslos zur Schau gestellt wird, wir denken an die sozialen Medien und die Generationen die durch sie verzogen werden, bietet die Maurerei Schutz und geistige Ruhe.

Eine Zuflucht für Schiffbrüchige auf unruhiger See.

Diese Zuflucht habe ich auch bei anderen Logen gefunden. Der Gesellengrad erlaubt und fordert uns, diese zu besuchen. Ich habe ganz gezielt auch andere Lehrarten besucht. Auch da habe ich viele interessante Brüder kennengelernt. Auch in ihrem Ritual fand ich wertige Lehren. Denn auch das ist meine Maurerei.

Wie schön, dass wir so eine bunte Vielfalt ritueller Ausführungen haben und wie schön, dass wir sie jederzeit und überall besuchen können.

„Einheit in der Vielfalt“, so nannte es Br:. Kai Stührenberg.


Der Tempelbau bedarf Steine mannigfaltiger Formen. Der kubische Stein ist Sinnbild für den Gesellen. Während der rauhe Stein noch in seiner unebenen Form untauglich für den Tempelbau war, lässt sich der kubische Stein leichter in die Mauerlücke einführen.

Der Geselle also, findet in dieser Zeit seinen Platz in der Bruderschaft. Wo noch der Lehrling sich darum bemühte, seine Ecken der Unvollkommenheit abzuschlagen.

Glücklicherweise machen es die schon vorhandenen Steine es dem neuen Stein leicht, indem sie nach oben und unten, nach links und rechts rücken und den Neuankömmling herzlich aufnehmen. Das ist die Gesellenzeit.


Kommen wir nun zum Symbol, das im Mittelpunkt dieses Tempels steht. In der Lehrlingszeit hieß es noch Pentagramm, eine Bezeichnung, die jedem profanen Menschen bekannt ist.

Nun aber wird uns seine ganze Gestalt offenbart, hat er plötzlich einen Namen erhalten, der flammende Stern.

Er war bis zu diesem Zeitpunkt zwar immer sichtbar auf dem Lehrlingsteppich, doch nur als leichter Schein in der Ferne. So wie der Leuchtturm, der in unserer Geschichte zunächst ein unscheinbarer Lichtpunkt weit am Horizont war und sich nun in voller Herrlichkeit offenbart.

Der Vorbereitende Bruder gab schon den ersten Hinweis, als er zu den Lehrlingen vor ihrer Beförderung sagte:

„Alles deutet darauf hin, dass Euch heute neue Wege gewiesen werden sollen. Wenn Ihr sie mit wachen Sinnen beschreitet, so wird ein Stern leuchten, der Euch Wegweiser sein kann.“

Wie ein Lotse, weist der Vorbereitende Bruder den Lehrlingen ihren Weg bis zum flammenden Stern. Im Aufnahmeritual war er es, der uns von der dunklen, kalten Nacht in die sichere Kajüte holte. Bei der Beförderung lotst er uns zum Leuchtturm.

Eine interessante und merkwürdige Gestalt, der Vorbereitende Bruder. Denn immer dann, wenn wir ihm begegneten, standen Veränderungen bevor.


Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen und einige Worte an unsere neuen Brüder Gesellen richten. Eine ganz konkrete Veränderung im zweiten Grad wird es sein, von jetzt an eigenständig andere Logen besuchen zu können. Nutzt diese Gelegenheit und wandert so oft es euch möglich ist.

Füllt eure Wanderpässe mit Stempeln und eure Herzen mit Erinnerungen. Das Jahr wird zu schnell vorübergehen und man bleibt nur für diese begrenzte Zeit Geselle. Richtet euren Gesellengruß bei jeder Reise mit vollständigem Text aus.

Dieser Brauch wird immer gern gesehen und es ist die Pflicht des Gesellen, dass er fortbesteht.

Meine lieben Brüder Burak, Stefan, Christopher, Alberto und Björn.

Ich beglückwünsche euch herzlich zu eurer Beförderung und wünsche euch bei eurer Wanderschaft viel Freude und maurerische Erkenntnisse.


Eines noch möchte ich sagen, über den geheimnisvollen Buchstaben G, nur hier und ein für alle Mal. Es gibt einige gängige Interpretationen über ihn. Gott, Geometrie, Gnosis… Und all das mag ihre Richtigkeit haben. Jedoch erlaubt uns die Maurerei, subjektive Erfahrungen mit ihren Symbolen zu verschmelzen und daraus eine ganz persönliche Deutung zu formulieren.

Was der Buchstabe G mir offenbarte, steht Wort für Wort in diesem Werkstück, das ich heute vortrage. Sie ist der Kern meiner Kurzgeschichte am Anfang und alles was ich bis hierhin erzählte.

Ich, möchte den Buchstaben G als das deuten, was ich in meiner Gesellenzeit sah, als ich UM-MICH schaute:

Gefährten!

Br:. Volkan

Loge Konrad Ekhof  i:.O:. Hamburg
gehalten am 7.3.2024 anlässlich der gemeinsamen Beförderung von 5 Lehrlingen in den Gesellengrad.