Wenn ich heute zurückblicke…
…dann ist mein Leben kein gerader Weg.
Es ist eher ein Fluss.
Mal wild, mal sanft, mal klar, mal trüb.
Und ich habe lange gebraucht, zu verstehen, wohin er mich trägt.
Ich möchte euch mitnehmen auf diese Reise.
Auf meine Reise vom Kämpfer zum Suchenden…
…vom Suchenden zum Fragenden…
…und vom Fragenden zu dem Menschen, der ich heute bin.
[Kurze Pause]
Um das alles zu begreifen, muss ich zurückschauen.
Zurück in das Jahr 2010.
Vor fünfzehn Jahre kreierte ich mir meine Kunstfigur so:
Im Alter von 10 Jahren auf Wikingerfahrt an der normannischen Küste wurde ich aus meiner Heimat nach einem heißen Kampf, den keiner der meinigen überlebte, als Sklave am Hof des Wilhelm des Normannen aufgenommen. Mein entschlossenes und starkes Auftreten beeindruckte den Lehnsherren so sehr, dass er mich bald von der Pflicht des Stallburschen entband, um seinem Sohn, mit dem ich mich gut verstand, ein Bruder zu sein.
So wurde ich in die hohen Künste des Ritterwesens eingeführt. Beachtlich fanden dabei meine ausbildenden Herrschaften am Hofe meinen Umgang mit dem Kampfbeil . Meine strategischen Fähigkeiten verblüfften sie. So schlug ich sie im Spiele wie im Hofe an der Waffe bald um Längen. So war die Zeit gekommen, dass man mich in den Stand eines Ritters erhob, als derer ich hoch zu Ross mit Schild und Wurfspieß sowie Beil zur Elitegruppe des Wilhelm gehörte und gehorchte.
Als eines Tages mein Lehnsherr zur Schlacht gegen die Angelsachsen aufrief, unterstützte ich dessen Kampf und wir zogen nach mehrtägiger Schlacht als Sieger auf der Insel ein. Seitdem besitze ich selbst dort ein paar Lehen und sorge mich der ruhigen Tage, derer ich bald überdrüssig werde. Lieber auf der Walstatt sterben als am heimischen Herde bei dem Weibe siechen und auf den Gevatter warten!
So fügt es sich dass ich hier in Kürze wieder aufbreche, um das Heilige Land in den südlichen Gewässern von den Heiden zu befreien. Dies mit meiner Schar und einer Menge gleichdenkender Christen, wie ich es zuletzt bei der Eroberung der Insel durch uns Normannen sah.
Damals hatte ich ein sehr klares Bild von mir selbst.
Oder ich dachte jedenfalls, dass es klar sei.
Ich nannte mich Thorbjörn.
Ein Name, der DonnerBär bedeutet.
Pure Kraft und Klarheit.
Burgund – eine Art Heimat in der Vorstellung – ein Ort, an dem dieser Thorbjörn leben könnte.
Ich wollte wirken wie ein moderner Wikinger.
Stark, unbezwingbar und unberührbar.
Zu dieser Zeit räumte ich dieser Identität viel Raum in meinem Leben ein.
Ich stellte mich in eine lange Reihe von Kriegern, Helden, Männern aus alten Sagen.
Ich ließ mir das Aussehen wachsen, das dazu passte.
Die Haltung, die Kleidung und die Art, wie ich sprach.
Wie ich ging und wie ich die Welt ansah.
Ich war eine Figur,
ein Charakter und
eine Rolle.
Das hier – dieser Thorbjörn –
genau so wollte ich sein.
Pause
Aber warum wollte ich so sein?
Damals hätte ich viele Antworten geben können.
Und wahrscheinlich wären es alle doch nur halbe Wahrheiten gewesen.
Die Wikinger faszinierten mich.
Ihre Härte, ihr Mut, ihre Naturverbundenheit.
Ein romantisches Bild, das ich mit jugendlicher Härte noch weiter färbte:
Stärke, Waffen, Kampf.
Eine Welt, in der man nie schwach ist.
Und ich –
ich wollte stark sein:
Ich wollte anders sein als die anderen.
Ich wollte auffallen.
Ich wollte nie Teil der großen Masse sein sondern mich unterscheiden.
Warum?
Weil in mir etwas laut geschrien hat:
„Ich gehöre nicht dazu.“
„Ich bin anders.“
Und vielleicht auch:
„Seht mich bitte in meiner Andersartigkeit, seht, dass ich keiner von euch bin.“
Mein äußeres Erscheinungsbild – die Andersartigkeit –
war ein Schutzschild.
Eine Mauer.
Aber gleichzeitig war es auch ein Hilfeschrei, den ich nur durch mein äußeres Erscheinungsbild ausdrücken konnte und wollte.
[Pause]
Es hing viel mit meiner Familie zusammen.
Nach der Trennung meiner Eltern stand ich plötzlich da…
als „der Mann im Haus“, mit 14 Jahren.
Viel zu jung und viel zu überfordert ohne mich mitteilen zu können, wie es mir wirklich ging und was es mit mir machte.
Also suchte ich mir Männerbilder, die unbesiegbar wirkten.
Wikinger,
Krieger, also starke, unzerbrechliche Gestalten.
Wenn ich es nicht war, dann musste ich es wenigstens spielen.
Und irgendwann spielte ich es so gut, dass ich selbst daran glaubte.
[Pause]
Doch bevor ich Wikinger wurde, war ich Punk.
Und auch das hatte seinen Grund.
Punk bedeutete für mich:
No Future- keine Zukunft!
„Ich mache euer Spiel nicht mit.“
„Ihr könnt mich nicht formen.“
„Ich entscheide selbst, wer ich bin.“
Beide Rollen haben mich geschützt.
Beide gaben mir Identität.
Beide sagten:
„Ich bin unverwundbar.“
Aber hinter beiden Rollen –
da war ein junger Mann, der Antworten suchte.
[Pause]
Irgendwann merkten andere etwas,
ohne dass ich es bemerkte.
Sie kommentierten meine Ausstrahlung,
meine intensive Art,
meine innere Unruhe.
Und ich selbst begann zu spüren,
dass hinter der Wikingermaske etwas anderes wartete.
Etwas, das sich nicht mehr ignorieren ließ.
Ich begann mich mit Spiritualität zu beschäftigen.
Mit alten Praktiken.
Mit nordischer Mythologie.
Mit Ritualen.
Mit innerer Arbeit.
Und plötzlich stand der Schamanismus in meinem Leben.
Er war keine bewusste Entscheidung – ich wurde von außen da hereingezogen -,
ich konnte mich nicht dagegen wehren.
Es war eher eine Konsequenz,
ein Sog.
Ich hatte das Gefühl, dass sich irgendwo hinter meiner Härte ein neuer Weg auftut,
ein Fenster zu etwas Verborgenem.
Etwas, das tiefer ging als Rollen, Kostüme und kräftige Sprüche.
Ich wollte:
Verstehen,
heilen,
Erkenntnis finden
…was genau, dass wusste ich noch nicht.
Aber ich wusste:
Das Leben ist noch viel mehr und es hält etwas für mich bereit-
Wo ist der Schatz?
[kurze Pause]
Der Weg in den Schamanismus war ein Weg nach innen.
Und gleichzeitig ein Weg abseits der lauten Wikingerfigur.
Schritt für Schritt, manchmal unmerklich,
löste sich eine alte Haut von mir.
Ich lernte:
Stärke ist nicht das Gleiche wie Härte.
Und Mut ist nicht das Gleiche wie Lautstärke.
Mit der Zeit veränderte mich die Arbeit mit den Ritualen.
Die Begegnungen.
Und die Stille die ich aushalten musste.
Ich begann die Welt anders zu sehen.
Die Menschen.
Die Männer.
Und mich selbst.
Ich erkannte etwas, was für mich damals neu war:
Männer dürfen weich sein.
Sie dürfen fühlen und
sie dürfen verletzt sein.
Männer müssen nicht alles alleine machen.
[Pause]
Je tiefer ich in den Schamanismus eintauchte, desto mehr war ich nicht mehr auf der Suche nach einer Rolle…
sondern nach meiner Wahrheit.
Ich sah Männer, denen Unterstützung fehlte und
ich fühlte plötzlich Verantwortung.
Ich wollte helfen.
Nicht als Krieger.
Sondern als Mensch.
Und irgendwann begriff ich:
Der Schamanismus ist das Gegenteil vom Wikingerspaß.
Das eine ist Maskerade.
Der Weg des Schamanismus ist geistige Wandlung.
Der eine Weg ist äußerlich.
Der andere wirkt innerlich.
Damit begann eine neue Frage in mir aufzusteigen:
„Wohin führt mich diese Suche?
Wann und wo werde ich ankommen?“
[Pause]
Es gibt Momente im Leben,
da versteht man erst Jahre später,
warum sie wichtig waren.
Für mich war es der Moment,
als ich auf die Freimaurerei traf.
Auf Brüder.
Auf Menschen, die nicht wissen wollten,
welche Rolle ich spiele…
sondern wer ich wirklich bin.
Ich spreche vom meinem Masterplan.
Nicht, weil ich ihn entworfen hätte.
Sondern, weil es rückblickend so wirkt,
als hätte jeder Schritt –
Punk,
Wikinger,
Schamane –
auf etwas hingeführt.
All das hat mich auf etwas vorbereitet.
Als ich in die Freimaurerei kam,
passierte etwas Unerwartetes:
Ich fühlte mich angekommen.
Zum ersten Mal.
Nicht verkleidet,
nicht gespielt und
ohne meinen Panzer,
– verwundbar –
Aber ich spürte Vertrauen und eine besondere Bindung zu meinen Brüdern
Eine familiäre Freundschaft, wir nennen es Brüderlichkeit,
die nichts mehr mit einem Rollenspiel
sondern mit Menschen zu tun hat.
Ich musste nicht mehr Thorbjörn sein.
Die Erkenntnisse, die ich jetzt fand, wuchsen langsam.
Die Erkenntnis baute auf allem auf, was vorher da war,
und es transformierte mich.
Ich musste nicht mehr Schamane sein.
Ich musste nicht mehr Wikinger sein.
Ich musste niemand mehr sein,
außer der Mensch, der ich wirklich bin.
[Pause]
Der Masterplan sagt mir:
„Das Rad muss sich weiterdrehen.
Es gibt kein Anhalten.
Nur ein Weiterwachsen.“
Und auch: Der Weg ist das Ziel!
Der Unterschied ist:
Früher suchte ich im Außen.
In Bildern.
In Legenden und in Figuren, die größer waren als ich.
Heute bin ich ein bekennender Suchender der in sich und um sich schaut.
Äußerlichkeiten und Maskeraden überlasse ich heute anderen.
Heute suche ich im Innen als Mensch,
für mich, für andere,
und für die Gemeinschaft.
[Pause]
Heute weiß ich:
Ich bin ein Suchender.
Aber kein Getriebener mehr.
Sondern ein Mensch, der verstanden hat,
dass die Suche selbst der Weg ist.
Und dass Stärke nicht im Panzer liegt,
sondern in der Fähigkeit, ihn abzulegen.
Ich habe lange genug Rollen gespielt,
um nicht fühlen zu müssen,
wer ich darunter wirklich bin.
Heute sage ich:
Ich bin angekommen.
Nicht am Ende –
sondern am Anfang eines reiferen Weges.
Ich bin kein Wikinger mehr.
Kein Punk.
Kein Schamane.
Ich bin einfach ich.
Und das genügt.
[Schweigen ]
Ehrwürdiger Meister, geliebte Br. Alle.
Meine Zeichnung ist beendet
